Rokoko/Epoche Louis XVI.

Geschichte der Männermode (von Roland Suhr)

Im folgenden finden Sie eine Beschreibung der Männermode im 18. Jahrhundert, die verfasst wurde von Herrn Roland Suhr, Kunde im Kostuematelier Radke.

Kleine Abhandlung über die Männermode

im 18.Jahrhundert, nach Ende der Barockzeit.
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Für viele "Laien" ist der Begriff Rokoko ein Synonym für das 18.Jh schlechthin, obgleich stilistisch das Rokoko selbst (besonderes bei der Architektur und dem Möbelbau) eigentlich nur bis in die 1760er Jahre ging.
Da die Bezeichnung Rokoko aber streng genommen die Zeit zwischen 1770 und den Beginn der französischen Revolution bzw. der Absetzung des französischen Königs Louis XVI (1789/1792) nicht mehr abdeckt,
so verwende ich vorzugsweise den Begriff "Epoche Louis XVI" für diese Epoche.
In Frankreich ist der Stilbegriff des "Louis XVI" für das Mobilar und die Raumkunst eine eigenständige Stilbezeichnung.
Die historische Kostümkunde muss sich in ihrer Stilbezeichnung oft der Stilbegriffe anderer Kunstrichtungen bedienen. Bei der Architektur z.B. wird die Zeit ab 1770 auch als Frühklassizismus bezeichnet.


Die grundlegenden Teile der Männerkleidung waren bereits in der Barockzeit, im letzten Viertel des 17.Jhdts. angelegt: Justaucorps (Herrengehrock), Hemd, Weste und Kniehose.
Diese Grundform blieb im Prinzip das ganze 18.Jahrhundert hindurch gleich und wurde von allen sozialen Schichten (in mehr oder weniger aufwändiger Verarbeitung und Materialbeschaffung der Kleidungsstücke) getragen.

Das Justaucorps war zu dieser Zeit sehr enganliegend am Körper, so wie es die Übersetzung des Wortes auch hergibt: juste au corps (eng am Körper).

Nach der Herrschaft von Louis XIV (gestorben 1715) verändert sich die Linie des Justaucorps bis in die 1720er Jahre noch nicht, es bleibt enganliegend, aber die Weste wird kürzer und nicht mehr so stark zugeknöpft.
Die Vorderkanten des Justaucorps reichen weiterhin in einer geraden Linie vom Hals bis zum Saum,
wie auch die Reihe der Knopflöcher und Knöpfe bis zum Saum reicht.
Einen Kragen hat das Justaucorps noch nicht.
Die Ärmel des Justaucorps sind noch relativ kurz, das Hemd mit seinen Ärmeln schaut deutlich hervor, und die Ärmelaufschläge sind sehr gross und reichen bis zum Ellenbogen.

Das Justaucorps hat durch mehrfache Falten in seiner Rücken- und Seitennaht eine grosse Weite in den Rockschössen, in der Rückenseite befinden sich in der Mitte und an den Seiten Schlitze, welche das Reiten und das bequeme Hinsetzen ermöglichen, zudem kann das mitunter wichtigste Accessoire eines Kavaliers -der Degen- beim Tragen mit seiner Spitze durch den Schlitz gehen.

Die Kniehose wird vorne im Schritt noch mit einem mittig angelegten Knopfverschluss verschlossen.
Um den kleinen Stehkragen des Hemdes wird ein Halstuch, das Plastron, gebunden, welches auch mit einer Brosche befestigt wird.
Bei der Haartracht setzen sich gegenüber der barocken Allongeperücke so nach und nach kleinere Perücken mit vielen kleinen Locken durch.
Bei Amtspersonen bleibt es aber meist noch bei der Allongeperücke.

Der Hut, der noch relativ hohe Dreispitz bleibt ein unverzichtbares Accessoire des Herren.
Der Dreispitz wird aber, um aufwändige Frisuren und Perücken beim Tragen nicht durcheinanderzubringen, meist unter dem Arm getragen.

Justaucorps, Weste und Kniehose wurden oft durch die Auswahl des Materials und deren Verarbeitung (z.B. Seide, Samt, Brokat) zu kostbaren Kleidungsstücken.
Justaucorps , Weste wurden durch Borten und Stickereien aufwändig verziert, ebenso wurden auch die Kniebänder der Kniehose bestickt.
Kostbare Spitze (z.B. Nadelspitze) zierten als Rüschung die Hemden an ihrem Ärmelbund (Volants) und den Brustschlitz (Jabot) sowie die Halstücher.

Materialien zur Kleidungsherstellung im 18.Jahrhundert waren Leinen, Wolle, Baumwolle und Seide.
Die beiden letztgenannten waren in ihrer Herstellung und Beschaffung sehr teuer.

Ab dem Beginn des Rokoko, um 1730, lässt die Strenge beim Tragen des Justaucorps und der Weste nach
und eine gewisse Freiheit hält Einzug.

Die Rockschösse des Justaucorps werden weiter und stehen durch Einlagen gesteift rockartig ab.
Nach unten hin öffnet sich das Justaucorps, indem die Vorderkanten nach unten hin eine leichte Kurve zeigen.
Die Ärmel sind immer noch relativ kurz (das Hemd schaut noch hervor), die Ärmelaufschläge sind weiterhin gross.

Die Weste weist weniger Knöpfe auf und wird oben wie auch unten nicht so streng geschlossen.
Die Strümpfe werden nun häufiger unter dem Saum der Kniehose getragen, als darüber.


Bei der Perücke setzt sich die Beutelperücke durch, die Anzahl der Locken reduziert sich bis auf wenige Locken an den Ohren und den Schläfen.
Der Haarzopf wird entweder in einem schwarzen Haarbeutel (Bourse) gesteckt, dieser wird dann zugezogen und mit einer Schleife verziert oder der mit einem Band umwickelte Zopf wird offen getragen.
Das letztere war beim Militär sehr beliebt.
Diese Perückenform wird sich die nächsten Jahrzehnte halten, wie auch der kleiner und niedriger gewordene Dreispitz.

Bei der Schuhform hat sich die runde Schuhspitze durchgesetzt, die Absätze sind niedriger geworden.

Die Schuhschnallen sind grösser geworden und werden bis zum Ende des Jahrhunderts an Grösse zunehmen, da sie zunehmend eine wichtige Zierde werden (gefertigt aus Eisen, Messing oder Silber, sie wurden auf dem Schnallenrahmen auch mit Straßsteinen besetzt).
Strümpfe wurden aus allen Materialen gewebt oder gestrickt.

Die Strümpfe werden jetzt auch unter dem Saum der Kniehose getragen, aber noch häufig darüber.
Das Knieband des Kniebundes der Kniehose wird meist mit einer Schnalle geschlossen, wie auch die Schuhe, welche aber zu dieser Zeit noch mit kleinen Schnallen verschlossen werden und hohe Absätze haben und vorne eckig sind.

Zur Mitte des Jahrhunderts wird die Kurvenlinie der Vorderkanten des Justaucorps sich nach unten hin noch weiter öffnen, so dass sich das Justaucorps über dem Bauch nicht mehr zuknöpfen lässt, die Weste wird noch ein Stück kürzer.

Die Rockschösse des Justaucorps werden wieder kleiner und stehen weniger ab, die Ärmel sind länger und ihre Aufschläge sind kleiner geworden, aber im Vergleich zu den Justaucorps des letzten Viertel des 18.Jahrhunderts sind die Ärmelaufschläge immer noch relativ gross.


Nach der Zeit des Rokoko, ab 1770, macht sich der Kragen am Justaucorps bemerkbar,
entweder als Steh-oder Umschlagkragen, hier wird die Grösse bzw. Höhe bis zum Ende des Jahrhunderts
weiter zunehmen.
Die Ärmel des Justaucorps reichen nun bis zum Handgelenk und es zeigen sich nur noch die Volants der Hemdsärmel (die Rüschung aus Spitze oder dem Material des Hemdes, meist Baumwolle/Leinen).
Die Ärmelaufschläge sind noch kleiner geworden und die Anzahl der Knopflöcher am Justaucorps ist geringer geworden, sie reichen nicht mehr bis zum Saum herab.

Die Rüschung beim Hemd zeigte sich nur an den Ärmeln und dem Brustschlitz (Jabot).
Die kostbare Spitze hierfür wurde meist an das Hemd seperat durch ein paar Heftstiche angenäht und zur Hemdwäsche wieder abgenommen um sie zu schonen.

Das knielanggeschnittene Hemd selbst zählte zur Unterwäsche und es wurden deswegen nur die Ärmel mit den Volants und das Jabot des Hemdbrustschlitzes gezeigt.
Der Anteil des Hemdes welcher über die Hüfte hinaus und bis zu den Knien ging, wurde zwischen den Schritt gelegt und erfüllte dort den Zweck einer Unterhose (daher kommt auch der Spruch "sich vor Angst ins Hemd machen").

Gegen Ende des Jahrhunderts wurde auch separate Unterwaesche gebräuchlich, da die Hemden vom Schnitt her nicht mehr unbedingt knielang gefertigt wurden.
Diese aus Baumwolle oder Leinen gefertigten Unterhosen sahen vom Schnitt her aus wie eine Kniehose, hatten aber außer am Taillenbund meist sonst keine Knöpfe oder Schnallen zum Verschliessen des Knieschlitzes und des Kniebundes, dort waren am Hosensaum dünne Baender zum Zuziehen vorhanden.
Auch ein Latz fehlte, der vorhandene Schlitz vorne blieb offen und wurde nicht separat verschlossen.

Für die Präsentation des Jabots wurde die Weste stets oben offen gelassen, also nicht bis nach oben hin zugeknöpft, das Jabot zeigte sich dann zwischen den Vorderkanten der Weste.
Viele Westen öffneten sich hierfür in der Linienführung ihrer Vorderkanten nach oben hin und waren dort nicht mehr schliessbar. Die oberen Knöpfe dienten nur noch zur Zierde.

Die Weste reicht in ihrer Länge nur noch bis zur Hüfte und weitete sich nach unten hin noch mehr.
Die Weste gibt nun den Blick auf den Schritt der Kniehose frei, die Kniehose wird daher nun vorne am häufigsten mit einem Latz verschlossen, welcher zum Verschluss beidseitig mit Knöpfen am Taillenbund befestigt wird.
Der vordere Latzverschluss verdrängt nun endgültig den mittigen Knopfverschluss der Kniehose.
Über den Saum der Kniehose gezogene Strümpfe sind nicht mehr üblich.

Das Justaucorps wurde in der Linienführung der Kurve der Vorderkanten nach unten hin noch weiter zurückgeschnitten, die Form des späteren Fracks ist zu erahnen, es ist nun vorne meist gar nicht mehr schliessbar.
Die Form des Justaucorps ist schlanker geworden und die Rockschösse haben ihre Weite verloren.

Beim Hemd wird um den höher gewordenen Stehkragen statt eines Halstuchs oft auch eine Halsbinde gelegt (ein Band aus mehrlagigen Leinen, die oberste Lage wurde zur Stabilisierung in Falten gelegt).
Die Halsbinde verdeckt vorne den Knopfverschluss des Stehkragens des Hemdes und wurde im Nacken meist auch mit einer Schnalle verschlossen.
Zur Zierde wurde um die Halsbinde oft ein Taftband gelegt, vorne mit einer Schleife verschlossen.

Nach 1780 zeigt sich das Justaucorps in der Linienführung der Vorderkanten noch weiter zurückgeschnitten. Da die Weite der Rockschösse fehlt, wird nun der Mittelschlitz überlappend gefertigt,
da eine Verarbeitung von Kante an Kante sonst den Blick auf das Gesäss und somit den beuteligen Hinterteil der Kniehose bieten würde.

Die Weste reicht oft nur noch wenig über die Taille nach unten hinaus und wird auch für eine zweireihige Knöpfung gefertigt.

Die Schultern des Justaucorps werden breiter, die Ärmelaufschläge werden noch kleiner und sind kaum noch wahrnehmbar.

Eine neue modische Strömung der Einfachheit, aus England kommend, greift auch auf den Kontinent über
und kündigt einen grundlegenden Wandel der Mode in Bezug auf Bequemlichkeit und Nüchternheit an,
den die gesellschaftliche und politische Entwicklung ab 1789 (Beginn der frz.Revolution) verstärken und beschleunigen wird.

Die Weste wird noch kürzer, ist oft unten gerade abgeschnitten, das Justaucorps wird unten herum noch weiter zurückgeschnitten.
Volants und Jabot des Hemdes verlieren sich weitgehends als Zierde, im Gegensatz zum schlichten Seidenhalstuch, welches um den seitlich höher werdenden Hemdkragen bis unter das Kinn und an die Ohren heran gewickelt wird.
Ebenso verlieren sich in den 1790er Jahren die üppigen Stickereien als Zierde am Justaucorps.

In der Beinkleidung kommt in den 1790er Jahren auch für Herren die lange Röhrenhose auf
( bis die allerdings die Kniehose endgültig verdrängt, vergehen aber noch Jahrzehnte),
wobei aber bemerkt werden muss, dass die Röhrenhose in Frankreich zuerst als Ausdruck einer radikal-politischen Gesinnung getragen wurde ("Sansculotten"- "ohne Kniehose", so wurden Personen, das waren meist auch Monarchiegegner, genannt, welche sich vom Ancien Regime des Königreichs gesellschaftlich und modisch absetzen wollten).
Allerdings gab es die "lange Hose" schon vor Ausbruch der frz.Revolution in der Seefahrt und in der Kindermode.